18.9.2020
Was ist eigentlich eine Pandemie?

Die Große Koalition plant zur Bewältigung der Coronakrise die massive Ausweitung von Coronavirus-Tests unter Mithilfe von Tierärzten. Um Testkapazitäten hochzufahren, sollen tierärztliche Labore ab dem 7. Mai die stark belasteten humanmedizinischen Labore entlasten. Wir haben Prof. Dr. Bernd Siegemund zu dem Gesetzentwurf interviewt. Der ehemalige Geschäftsführer der B·A·D GmbH und der medical hat nach seinem Studium der Biologie und Tiermedizin zwei Jahre als Tierarzt praktiziert, bevor ihn sein beruflicher Lebensweg in die Gesundheitsökonomie geführt hat.

Was ist eigentlich eine Pandemie, Herr Prof. Dr. Siegemund?

  • Von einer Pandemie spricht man bei einer weltweiten seuchenhaften Ausbreitung einer Krankheit bei Menschen – meist einer Infektionskrankheit bedingt durch Bakterien oder Viren. Auch in der Tiermedizin spricht man bei derartigen Seuchen oft von Pandemien, obwohl der korrekte Begriff hier Panzootie ist, da die Endung -demie für den Menschen steht. Im Unterschied dazu ist eine Epidemie die Ausbreitung einer Seuche, die sich auf eine bestimmte Region begrenzt. Wann eine Epidemie zu einer Pandemie wird, weil sie sich im Hinblick auf ihre Ausbreitung nicht mehr nur auf eine Region begrenzt, entscheidet die WHO (World Health Organisation), konkret deren Generaldirektor. Für die Tiermedizin spielen Epidemien bzw. Pandemien oder Panzootien eine mindestens so große Rolle wie für die Humanmedizin. Ein Grund ist sicherlich der, dass die Tiermedizin nicht wie die Humanmedizin nur eine Spezies, den Menschen, im Blick hat, sondern viele verschiedene Spezies und bei vielen Spezies gibt es – meist speziesspezifische – Erreger, die eine Epidemie bzw. Pandemie auslösen können. Beispielhaft seien hier BSE (Bovine spongiforme Enzephalopatie), die Afrikanische Schweinepest, die Schweinegrippe oder die Hühnergrippe genannt. Da Epidemien und Pandemien in der Tiermedizin eine so große Rolle spielen hat die Humanmedizin z. B. auch den Begriff „Herdenimmunität“ für den Humanbereich aus der Tiermedizin übernommen.

Die Große Koalition plant zur Bewältigung der Coronakrise ein umfangreiches Gesetzespaket im Gesundheitsbereich. Dabei geht es auch um die massive Ausweitung von Coronavirus-Tests unter Mithilfe von Tierärzten. Um Testkapazitäten hochzufahren, sollen tierärztliche Labore ab dem 7. Mai die stark belasteten humanmedizinischen Labore entlasten. Was sagen Sie zu dieser Entwicklung?

  • Das halte ich für absolut sinnvoll und gut machbar, und in anderen Ländern wird es ja auch schon praktiziert. Die Laboratorien für Tierseuchendiagnostik haben bereits angeboten, dass sie pro Woche ca. 70.000 zusätzliche Tests auf Corona durchführen können. Technisch ist das kein Thema, da die Verfahren, die für den Nachweis der Erreger zum Einsatz kommen (i. d. R. PCR = Polymerase chain reaction-Tests) genauso wie die Verfahren, die für den Nachweis von Antikörpern gegen den Erreger (i. d. R. ELISA = Enzyme-linked immunosorbent assay) in der tiermedizinischen Labordiagnostik genauso Routine sind wie in der humanmedizinischen Labordiagnostik. Die Qualitätsanforderungen, die Standards, das Know-how und das Equipment sind sicherlich gewährleistet. Probleme gibt es mit der Abrechnung, da humanmedizinische Laboratorien einen Großteil ihrer Leistungen über die Krankenkassen abrechnen, die tiermedizinischen Laboratorien über den behandelnden Tierarzt bzw. dem Patientenbesitzer direkt. Sowohl für Humanmediziner als auch für Tierärzte gibt es für diese Leistungen eine Gebührenordnung. Mit etwas zurückgestellten Partialinteressen sollte dieses Problem schnell lösbar sein. Ein zweites Thema ist der Datenschutz. Personenbezogene Daten, die sich auf die Gesundheit/Krankheit beziehen, haben eine hohe Schutzwürdigkeit und spielen deshalb in der Humanmedizin, auch in humanmedizinischen Laboratorien, eine große Rolle. Die Schutzwürdigkeit von Gesundheitsdaten bei Tieren spielt aus Sicht des Datenschutzes dagegen so gut wie keine Rolle. In den tiermedizinischen Laboratorien müssten hierzu entsprechende Maßnahmen, wie z. B. Barcode-basierte Anonymisierungsverfahren sichergestellt werden. Das sollte aber kein Problem sein.

Tierärzte sollen „durch eine Fachärztin oder einen Facharzt für Laboratoriumsmedizin oder für Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie“ eingewiesen werden. Sie haben als Tiermediziner (Veterinär) praktiziert, sehen Sie Unterschiede zur Tiermedizin bzw. gibt es welche?

  • Eine spezifische Weiterbildung durch Experten auf diesem Gebiet kann nie schaden. Allerdings denke ich, dass die Grundvoraussetzungen und -kenntnisse zu diesen Themen bei Tierärzten eher besser vorhanden sind als bei Humanmedizinern. Die Vielfalt der Spezies mit denen es die Tierärztin oder der Tierarzt zu haben, ist ein Grund, warum diese Themen in der Ausbildung einen großen Raum einnehmen. Ein weiterer Grund liegt darin, dass wir es heute bei der Nutztierhaltung oft mit Massentierhaltung unter sehr speziellen Bedingungen zu tun haben und gerade da die Infektionsprophylaxe bzw. auch der Umgang mit einer Infektion eine zentrale Rolle spielt.

Prof. Dr. Lothar Wieler, seit 2015 Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), informiert die Deutschen momentan zweimal pro Woche über die aktuelle Entwicklung der Coronapandemie. Er ist wie Sie ausgebildeter Veterinärmediziner. Prädestiniert ein Studium der Veterinärmedizin für einen unaufgeregten Umgang mit dieser Seuche?

  • Ein tiermedizinisches Studium ist sicher eine gute Grundvoraussetzung, aber kein prädestinierender Faktor. Aus meiner Sicht ist der sich dem Studium anschließende wissenschaftliche und berufliche Werdegang entscheidend. Das zeigen auch die beruflichen Abschlüsse der Präsidenten des Robert-Koch-Instituts, des ehemaligen Bundesgesundheitsamtes und der heutigen Nachfolger BfArM (Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte) und BGVV (Bundesinstitut für Verbraucherschutz und Veterinärmedizin). In allen Institutionen gab es Präsidenten, die Tierärzte, Biologen, Biochemiker, Pharmazeuten oder auch Mediziner waren.

Haben Sie selbst während Ihrer Zeit als Tierarzt eine Seuche miterlebt?

  • Seuchenhafte Ausbreitung ja, aber meist nur auf einen oder einige wenige Betriebe bezogen. Zum Beispiel die Schweinegrippe (Influenza Typ A) oder die Kälbergrippe (Bovines Respiratorisches Syncytialvirus) traten immer wieder mal auf. Da es zu meiner Zeit noch keine Impfstoffe dagegen gab, wurde ein betroffener Bestand zu 80- 100% durchseucht, und im Ergebnis starben 20-30% der betroffenen Tiere. Maßnahmen waren auch damals (Anfang der 80er Jahre) Hygiene, Desinfektion, Betriebsisolierung, Kontaktreduzierung. All das, was wir jetzt alle näher kennenlernen.

Würden Sie mit Blick auf die Coronakrise eine engere Zusammenarbeit von Human- und Tiermedizin befürworten, um aktuelle Gesundheitsprobleme weltweit zu lösen?

  • Ich befürworte eine solche Zusammenarbeit grundsätzlich! Nicht nur zwischen Human- und Veterinärmedizinern, sondern auch mit Biologen, Biochemikern, Pharmazeuten und anderen relevanten Fachdisziplinen. Unter den Experten, die wirklich an der Front forschen und entwickeln ist das meiner Ansicht nach auch überhaupt kein Thema. Man kennt sich oft eh, und entscheidend ist die fachliche Expertise und nicht der ursprüngliche Studiengang. Diese Zusammenarbeit wird erst dann etwas schwieriger, wenn sich Fachverbände, die auch berufsständische Ansichten vertreten, einschalten. Ein schönes Beispiel dafür ist das RKI. Der Auslöser für die Gründung des Robert-Koch-Instituts und des Friedrich-Loeffler-Instituts (Bundesinstitut für Tiergesundheit auf der Insel Riems) waren Seuchen, die sowohl die Humanmedizin als auch die Veterinärmedizin Anfang des 20.sten Jahrhunderts schwer beschäftigten: Maul- und Klauenseuche, Pocken, Masern und Rinderpest. Friedrich Loeffler, der Gründer des Friedrich-Loeffler-Instituts, war ein Schüler von Robert Koch und wurde später als Direktor im RKI der Nachfolger von Koch.

Vielen Dank Herr Prof. Dr. Siegemund für das informative Gespräch.

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